Elisabeth von Thüringen

Prof. Dr. Regina Radlbeck-Ossmann

Das Leben der Landgräfin Elisabeth von Thüringen ist so gut dokumentiert wie das kaum einer anderen Gestalt des 13. Jahrhunderts. Elisabeth wurde 1207 als Kind des ungarischen Königs Andreas II. und seiner aus dem Hause Andechs-Meranien stammenden Gemahlin Gertrud geboren. Bereits im vierten Lebensjahr wurde das Mädchen aus diplomatischen Gründen mit dem ebenfalls noch kindlichen Nachfolger des thüringischen Landgrafen Hermann I. verlobt. Um diese Entscheidung biografisch vorzubereiten, wurde Elisabeth nach Eisenach gebracht und dort gemeinsam mit ihrem späteren Gemahl Ludwig IV. erzogen.
Zeitgenossen beschreiben diese Ehe als eine Beziehung von bemerkenswerter Vertrautheit und Toleranz. Toleranz musste Markgraf Ludwig vor allem deshalb für seine Frau aufbringen, weil diese sich für ein Frömmigkeitsideal entschieden hatte, das unter dem Begriff der apostolischen Armut in die Geschichte eingegangen ist und in Franz von Assisi seinen bekanntesten Vertreter gefunden hat.
Die im späten 12. Jahrhundert in Mitteleuropa aufbrechende Armutsbewegung antwortete auf die tiefen gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungen von ungeheuren Ausmaßen hatten nicht nur zum Aufblühen der Städte und des in ihnen tonangebenden Handelsbürgertums geführt, sondern auch das Heer derer anwachsen lassen, die mit diesen Veränderungen nicht Schritt halten konnten. Das religiös sensible Gewissen der Zeit reagierte auf diese massenhafte Verelendung mit der Entscheidung für das Ideal einer frei gewählten Armut, das man in biblischen Schriften vorgeprägt sah. Bemerkenswerterweise fand die Armutsbewegung oft gerade in solchen Menschen ihre führenden Vertreter, die bis zu ihrer "Konversion" in ausgesprochenem Wohlstand gelebt hatten.
Elisabeth stand den Ideen dieser Bewegung von Anfang an aufgeschlossen gegenüber und ließ sich im Laufe ihres Lebens zunehmend mehr auf diese ein. So erwies sie sich nicht nur den Armen gegenüber als besonders freigebig, sondern war auch selbst auf einen möglichst bescheidenen Lebensstil bedacht. Ihre Kritik an der Prachtentfaltung der Zeit brachte sie dabei ebenso in Konflikt mit ihrer Umgebung wie ihre Weigerung, Güter zu genießen, deren Erwerb auf ungerechte Wirtschaftsbedingungen zurückging. Eine Landgräfin, die es ablehnte, sich in teure Stoffe zu kleiden und die der fürstlichen Tafel immer dann fernblieb, wenn sie erfahren hatte, dass die angebotenen Speisen den Kleinstaat das kleiden Bauern abgepresst worden waren, war für die Mitglieder ihres eigenen Standes unausweichlich einen Stein des Anstoßes. Landgraf Ludwig nahm seine Frau gegenüber allen Anfeindungen im Schutz. Umgekehrt zeigte auch Elisabeth sich ihm gegenüber kompromissbereit, indem sie bereitwillig den repräsentativen Pflichten nachkam, die ihr als Landesfürstin oblagen.
Als Ludwig 1227 auf dem Kreuzzug starb, verlor Elisabeth jeglichen familiären Rückhalt in Thüringen. Die landgräfliche Verwandtschaft fürchtete nicht ohne Grund, Elisabeth werde das Familienvermögen nun umso großzügiger unter die Armen verteilen. Um das zu verhindern, vertrieb man die Witwe mit ihren drei Kindern von der Wartburg. Diese begab sich nach Marburg, wo sie mit ihrem persönlichen Vermögen ein Hospital sowie weitere karitative Einrichtungen gründete und sich selbst uneingeschränkt der Armenfürsorge widmete.
Verwandte aus mütterlicher Linie wollten die erst Zwanzigjährige erneut unter männlichen Schutz gestellt sehen und drängten auf eine Wiederverheiratung. Elisabeth lehnte das jedoch ab. Sie zog es vor, sich der geistlichen Führung ihres Beichtvaters Konrad von Marburg anzuvertrauen. Dieser unterstützte ihre religiöse Orientierung, setzte jedoch Grenzen im Blick auf die Verausgabung der materiellen Güter wie auf den persönlichen Einsatz in der Krankenpflege. Elisabeth respektierte diese Beschränkungen nur widerstrebend. Sie war entschieden, weiterhin unermüdlich zugunsten Armer, Kranker und gesellschaftlich Ausgestoßener zu arbeiten. Ihr rückhaltloses Engagement zehrte ihre Kräfte jedoch bald auf und so starb sie schließlich im Alter von nur 24 Jahren.
Da Elisabeth ihren außerordentlichen Einsatz zugunsten sozial Benachteiligter ausdrücklich als eine Form der Christusnachfolge verstand, verehrtenten sich hoffnungsvolle Pilger aus halb Europa auf den Weg, um in Marburg das Grab der ehemaligen Landgräfin zu besuchen, von dem sie sich eine wundertätige Kraft erwarteten. Die unmittelbar nach ihrem Tod einsetzenden Bemühungen um eine formelle Heiligsprechung wurden 1235 von Papst Gregor IX. positiv beschieden. Die Verehrung der hl. Elisabeth von Thüringen prägte das gesamte Mittelalter und ist bis in die heutige Zeit lebendig.