Elisabeth Landgräfin von Thüringen, Dienerin, Heilige
Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden
Mt 5, 7
Dr. Falko Bornschein

Elisabeth von Thüringen zählt zu den bedeutendsten Vertretern einer religiösen Aufbruchsbewegung des frühen 13. Jahrhunderts in Mitteleuropa, die sich in der Nachfolge Christi dem Armutsideal und dem Dienst am Nächsten verschrieben hatte. Sie ist eine facettenreiche Persönlichkeit mit einer konsequenten inneren Entwicklung. Die 1207 geborene ungarische Königstochter wird Landgräfin von Thüringen, bringt drei Kinder zur Welt und opfert sich als Tertiarierin bis zur Entkräftung für Bedürftige auf. Bald nach ihrem frühen Tod heilig gesprochen entfaltet Elisabeth durch ihr beeindruckendes Leben und Handeln eine Wirkung, die bis in unsere Zeit anhält und die mit den Stationen ihres Werdegangs: Ungarn, Thüringen und Hessen eng verbunden ist.
Anlässlich ihres 800jährigen Geburtsjubiläums im Jahre 2007 wird der hl. Elisabeth zu Recht wieder größere Aufmerksamkeit zuteil. Gerade im heutigen dritten Jahrtausend nach Christi, das von einer zusehends breiter werdenden Kluft zwischen Reichtum und Armut und einer weitgehenden Orientierung an äußeren, materiellen Werten gekennzeichnet ist, haben die von Elisabeth vertretenen und praktizierten Ideale an Aktualität nur wenig verloren.
Einen Beitrag zur Ehrung und dem Andedenken der großen mittelalterlichen Frau bildet der dreiteilige Zyklus von Linolschnitten der Weißenfelser Künstlerin Christina Simon, in dem sich die Grafikerin bildkünstlerisch mit dem karitativen Wirken Elisabeths in selbstgewählter Armut auseinandersetzt. Gezeigt werden die Kunstwerke nacheinander in der katholischen Kirche des hl. Franziskus in Budapest, im Museum Schloss Neuenburg (in Freyburg an der Unstrut), im St. Elisabeth-Krankenhaus von Lengenfeld unterm Stein und in der Evangelischen St. Elisabeth-Kirche zu Marburg. Damit zeichnet die Ausstellung im Sinne einer Pilgerreise den Lebensweg Elisabeths von ihrem Heimatland bis hin zum Ort ihres Todes und ihrer Grablege chronologisch nach. Die einzelnen Stationen verkörpern dabei unterschiedliche Aspekte ihrer persönlichen Entwicklung. Budapest steht für das Land ihrer Geburt und ihrer frühen Kindheit. Auf der Neuenburg, dem landgräflichen Sitz auf dem sich Elisabeth neben der Wartburg am häufigsten aufgehalten hat, rücken ihre Rolle als Landesmutter und ihr Eingebundensein in höfische Etikette in den Blickpunkt, während das von den Franziskanerinnen der ewigen Anbetung geführte Fachkrankenhaus für Geriatrie in Lengenfeld unterm Stein an das karitative Wirken der Heiligen in Thüringen erinnert. Den Abschluss bildet eine Ausstellung in der Begräbniskirche im hessischen Marburg - dem ursprünglichen Aufbewahrungsort der Reliquien der Heiligen. Er versinnbildlicht ihre über den Tod hinausweisende Gottesliebe sowie das Weiterwirken Elisabeths als Heilige. Die ursprüngliche Konzeption wurde inzwischen um den Erfurter Dom und das Elisabethkrankenhaus in Halle/ Saale als Präsentationsorte erweitert. Am Erfurter Dom, einem Gotteshaus mit einer bis 1236 zurückreichenden Elisabethtradition und der Kathedrale einer Diözese mit dem Elisabethpatrozinium, ist die Exposition in die Bistumswallfahrt des Jahres 2007 eingebunden. Mit den einzelnen Ausstellungsorten wird ein Bogen von Osten nach Westen gespannt, der die Person der hl. Elisabeth aus einer allein auf Thüringen fixierten Bedeutung heraushebt und Menschen verschiedener Regionen, Nationen und Konfessionen im christlichen Sinne verbindet.
Christina Simon zeigt eine Folge von Linolschnitten, mit der sie sich auf verschiedenen Ebenen der Person Elisabeth zu nähern versucht. Ihre Werke sind kraftvoll und farbintensiv gestaltet und dennoch von subtiler Feinnervigkeit. Detailreiche Nuancen prägen das sensible Gefüge aus Farbflächen und einem Netz heller Linien. Ein steter Wechsel zwischen der Verfestigung von Formen und der Auflösung bildnerischer Strukturen, zwischen gestaffelten Bildelementen und flächigen Partien erzeugt melodisch schwingende und z. T. vibrierende Bildbewegungen, die den Arbeiten ihre Lebendigkeit und ihren bildnerischen Reiz verleihen. Das stimmige Ganze lässt den Betrachter nur vage den langwierigen Entstehungsprozess der Linolschnitte erahnen. Nicht selten setzt sich ein Blatt aus bis zu 20 Einzeldrucken zusammen. Mosaikartig sind die Abbildungen der einzelnen Druckvorlagen aneinandergefügt oder puzzleartig verzahnt. Mitunter überlappen sie sich partiell und lassen die darunterliegenden Formen durchscheinend erahnen oder sind nach dem Prinzip der verlorenen Form zweifarbig gedruckt. Durch vielfältiges Wiederholen, Auswählen und Verwerfen entwickelt die Künstlerin sukzessive ihre klangvollen ausgewogenen Bildkompositionen. Ausgehend von den Hauptmotiven lässt sie sich durch die Wirkung der Formen und Farben inspirieren und schrittweise zur endgültigen Bildgestaltung leiten dreht und verschiebt Bildelemente, ändert deren Farbigkeit oder kombiniert sie völlig neu. Dank der drucktechnischen Vervielfältigung entstehen so zumeist mehrere Varianten einer Farbgrafik, die jeweils durch unterschiedliche Wirkung gekennzeichnet sind. Jedes Werk für sich genommen stellt ein Unikat dar.
Die Abfolge der Linolschnitte zum Elisabeththema ist von einer Dreiteilung bestimmt. Kleinformatige narrative Szenen bilden den Grundtenor des Zyklusses und führen den Betrachter vermöge ihrer erzählerischen Grundstruktur von Bild zu Bild. Sie zeigen Elisabeth von Thüringen bei der Verrichtung von Werken der Barmherzigkeit der Speisung von Bedürftigen, der Kleiderspende, der Krankenpflege und der Fußwaschung. Ein Reigentanz und eine Taufszene erinnern an Elisabeths Zeit bei Hofe.
In archaischer Manier agieren die abstrahierend vereinfachten Personen mit ausdrucksstarken Körperbewegungen und bedeutungsvollen Gesten. Farblich hervorgehoben setzten sie sich von der dezenter gehaltenen Gestaltung des Hintergrundes optisch ab. Elisabeth ist jeweils im erdverbundenen Braun der Franziskaner oder im spirituellen, tranzendenten Blau gottbezogenen Glaubens wiedergegeben. Schatten und versetzt hinterlegte weiße Formen steigern die Bewegungsdynamik des Bildgefüges. Die in der Tiefe gestaffelte und farblich variierte Wiederholung einzelner figürlicher Motive gleicht einem schallartigen Nachklingen, das dem intendierten Anliegen mehr Gewicht und Nachdruck verleiht. So wird etwa die Almosen spendende Elisabeth von einer ganzen Schar Bettler umringt, die in ihrer Vielzahl die Heilige geradezu bedrängen und durch mehrfach sich wiederholende Bittgesten ihre Bedürftigkeit um so vehementer vortragen.
Fragmentierte Rahmen in Form vegetabil verzierter Leisten erhöhen nicht nur die Stabilität der Kompositionen, sondern führen auch den Mimesischarakter des Gezeigten ad absurdum. Die Objekte werden eindeutig als Bilder ausgewiesen, die über ihren Sinngehalt hinaus vor allem auch als ästhetische Objekte zu betrachten und zu befragen sind.
Großformatige Linolschnitte unterbrechen diese kleineren narrativen Szenen sowohl im Rhythmus ihrer Abfolge als auch in ihrer Erzählstruktur. Sie besitzen einerseits stilllebenhaften Charakter, zum anderen zeigen sie die Heilige als Einzelfigur mit entsprechenden Attributen. Letztere verdrängten im ausgehenden Mittelalter die mehrfigurigen Szenen aus der Vita der Heiligen und bestimmen seither die Ikonografie der Elisabethdarstellungen. Signalhaft wirkende, lediglich durch das Linienspiel der Gewanddrapierung gegliederte Farbflächen von symbolhafter Dimension beschreiben jeweils die bildbestimmend ins Format gesetzte Figur der hl. Elisabeth. Eingebunden in unterschiedliches Ambiente mit eigenem Sinngehalt und formalem Ausdruck konstituieren sich Bildwerke von verschiedenartiger Wirkung. So ragt die hl. Elisabeth in hellem Goldgelb licht und edel aus einer mit Hilfe der Wartburgsilhouette geformten Stadtlandschaft heraus. Leicht und dennoch mächtig erhebt sich die Heilige hoch über der bedrängenden Enge der Gebäude. In einem weiteren Bild steht Elisabeth mit Krug und Brot Hilfe anbietend inmitten einer trümmerartigen düsteren Landschaft, in der keimendes Grün künftiges Leben erhoffen läßt. Auf anderen Blättern erscheint sie im Rot der aufopfernden Liebe unter Bedürftigen oder setzt sich vor dekorativ gestaltetem Hintergrund ab, umschlungen von ausladend drapierten Banderolen. In kleinem Maßstab ist die Heilige mit Kirchenmodell vor sich mehrfach überschneidenden, ineinander verschachtelten Bogenformen wiedergegeben. In einer weiteren Darstellung wandelt sie in einer Synthese aus Maria im Rosenhag und Maria dolorosa unter dornigen Rosensträuchern.
Den figürlichen Motiven liegen durchgängig mittelalterliche Vorbilder zugrunde. In mehr oder weniger freier Interpretation der Gestaltung wurden sie dem Medium Linolschnitt und der intendierten Bildaussage anverwandelt. Konkret sind im vorliegenden Zyklus Szenen aus den Ostchorfenstern und vom Elisabethschrein der Marburger Elisabethkirche (um 1240 bzw. 1236-1249), aus dem Krumauer Codex der österreichischen Nationalbibliothek (2. Viertel 14. Jh.), eine Darstellung der hl. Elisabeth vom Frankfurter Heller-Altar des Matthias Grünewald (1508/11) sowie mehrere spätgotische Skulpturen der Heiligen vom Schloss Neuenburg (Freyburg/ Unstrut), aus dem Erzbischöflichen Diözesanmuseum Köln, der Elisabethkirche zu Marburg und dem Lübecker Hl.-Geist-Spital verwendet worden. Wie schon in früheren Arbeiten der Künstlerin verleihen die Bildzitate den Linolschnitten eine historische Dimension und rezipieren die Tradition der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Thema in seiner Blütezeit dem späten Mittelalter. Das reiche ornamental-dekorative Spiel von Linie und Fläche in der Hintergrundgestaltung erinnert in seinem Grundcharakter zuweilen ebenfalls an mittelalterlicher Bildwerke, an Blattrankenornamentik, Brokatmusterung oder vegetabil-architektonischen Schmuck.
Neben den großfigurigen Einzeldarstellungen unterbrechen querformatige Stillleben den Monolog der kleinfigurigen Szenen. Sie stellen die Werke der Barmherzigkeit in übergeordnete Zusammenhänge. So sind die Speisen und Getränke nicht nur Hinweise auf die Gebote Hungernde zu speisen und Dürstende zu tränken, sondern verkörpern gleichzeitig auch die Fülle und Mannigfaltigkeit der göttlichen Schöpfung. Darüber hinaus verweisen die Fische auf den Gottessohn Jesus Christus, in deren Nachfolge Elisabeth steht und handelt. Sie erinnern ebenso an die wundersame Speisung der Fünftausend und symbolisieren das Sakrament des Abendmahls. In ähnlicher Weise sind Brot und Wein zu interpretieren, während die fülligen Kürbisse innerhalb der bereits verwelkenden herbstlich anmutenden Blätter auf die Vergänglichkeit alles irdischen Seins anspielen. Einen gewissen Vanitascharakter vermitteln auch das Schweben einzelner Bildmotive, das bewußte Offenhalten räumlicher Bezüge bzw. die Lockerung kompostitorischer Anbindung. Mit voluminöser Körperlichkeit und materieller Präsenz in den Raum drängend scheinen sich die Dinge auf den Betrachter zuzubewegen, sich ihm darzubieten. Sie erscheinen nahezu greifbar, sind in ihrer Oberfläche strukturiert und in ihrer Stofflichkeit charakterisiert. Mitunter vermeint man etwas von ihrem Duft oder Geschmack wahrnehmen zu können. All diese bereits im goldenen Zeitalter der holländischen Stilllebenmalerei vorgebildeten Charakteristika haben nicht nur gestalterische Gründe, sondern besitzen auch inhaltliche Relevanz. Sie heben die Darstellungen sichtlich von den flächenhaft-linearen, geradezu entkörperlichten figürlichen Szenen ab. In ihrem In-Sich-Gekehrt-Sein und in der Fokusierung auf einzelne Gegenstände durchbrechen die Stillleben den hastigen Rhythmus der figürlichen Bilderzählung - laden zu einem Innehalten, einer Verinnerlichung und einer meditativen Schau ein. Allerdings lässt der Spannungsgehalt in Perspektive und Komposition keine allzu tiefe Versenkung zu, sondern treibt die Blicke voran zum nächsten Bild.
Die ausgestellten Werke stehen dem Rezipienten nicht statisch gegenüber. Vielmehr eröffnen sie weite Interpretationsspielräume, fordern den Betrachter zum Dialog, zur Entdeckungsreise, zum Widerspruch und damit zur Auseinandersetzung mit dem Thema auf - und dies sowohl aus künstlerischer als auch aus inhaltlicher Sicht. In diesem Sinne wünschen wir dem Besucher der Ausstellungen Muse, ästhetischen Genuss und weiterführende Erkenntnisse auf den Spuren der hl. Elisabeth.