GEMALTE GRAFIK - ZUM WERK VON CHRISTINA SIMON

Dr. Astrid Fick

Die Weißenfelser Künstlerin Christina Simon hat bereits zahlreiche Ausstellungen durchgeführt. Neben Weißenfels, Querfurt, Freyburg und Lützen waren ihre Arbeiten auch in Halle, Bernburg, Frankfurt/Oder, Magdeburg und Berlin zu sehen.
In ihren Arbeiten nehmen besonders Sieb- und Hochdrucktechniken ( z.B. Linolschnitt) einen weiten und eigenwilligen Raum ein. Da Christina Simon bei ihren Siebdrucken auch manuell die optischen  Strukturen der Druckelemente beeinflußt und verändert, erklärt die Bezeichnung gemalte Grafik ihre Arbeitsweise treffender als der rein formelle Begriff der Druckgrafik.
Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens sind die Inspirationen und emotionalen Erfahrungen, die sie aus persönlichen Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen gewinnt. Sie reagiert in ihrer Arbeit auf die Signale, die sie von ihrer Umgebung erhält und verarbeitet sie in einem kreativen Arbeitsprozess. Darin wird versucht durch Abstraktion und Reduktion auf die zentralen Elemente zum Wesen der Dinge zu gelangen, sie zu reflektieren. Auf der Suche nach einer übergeordneten Wahrheit - vielmehr einer Summe von Wahrheiten - muß der eigene Horizont ständig überschritten werden. Christina Simon löst sich dabei immer wieder von ihrer eigenen Realität ab, um nicht bei einer reinen Selbstbespiegelung zu verhaften. Ihr Ziel ist immer wieder eine neue Qualität und Transzendenz in ihren Arbeiten zu erreichen. Die Verknüpfung und Reflektion von Vergangenem und Gegenwärtigem bildet mosaikhaft ihren Arbeits- und Lebensweg.
Die so gewonnenen Erfahrungswerte setzen den künstlerischen Diskurs zwischen Farbe, Form, Struktur und Inhalt ihrer Werke in Gang, der mit unterschiedlicher Ausprägung und Wertigkeit das bestimmende Moment ihrer Arbeiten darstellt.
In der jüngeren Vergangenheit (1999) dominierte dabei primär die Auseinandersetzung zwischen Struktur und Farbe, was sich für die Künstlerin jedoch nicht als wegweisend herausstellte. Das Gefühl, sich zu sehr reiner Konzeptkunst zu verschreiben, sich durch die Dominanz der Struktur einer zu großen Beliebigkeit und Reproduzierbarkeit der Empfindung auszusetzen, ließ sie zur stärkeren Betonung der Form und einfacher Farbklänge zurückkehren. Die Struktur wird nun wieder stärker in die Farbe eingebettet und eingehüllt, die Farbe bildet die Kontur. Sie begrenzt den Körper, erzeugt Körperlichkeit, bildet Positiv und Negativ der einzelnen optischen Elemente heraus.
Christina Simon sieht deshalb für sich einen konservativen Ansatz ihres Schaffens, da ihr das Ringen um Erkenntnis wichtiger ist, als die vordergründige Neuheit der Idee und des Ausdrucks im Sinne des vorherrschenden Mainstreams, bei dem fehlende Inhalte und Kreativität häufig durch Effekte und Aktionismus verschleiert werden. Und hierzu ist die Rückkehr zu den eigentlichen Wurzeln der Dinge, die Reflektion von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft notwendig, um zu einer Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen.
Wir leben in einem ständigen Dialog. Als Menschen sind wir nur in der Lage  das Besondere, das Konkrete zu erfahren und zu verstehen. Die Gesamtheit kann nicht erfasst werden, sie verschwimmt in ihrer Komplexität.

Für Christina Simon spielen die Herauslösung und das Hervordrängen des Details eine große Rolle. In der individuellen Wahrnehmung von Situationen und Empfindungen prägen sich uns einzelne Sequenzen und Eindrücke überdurchschnittlich ein. Sie lösen sich aus dem gegenwärtigen sinngebenden Zusammenhang, werden zu Symbolen und Chiffren emotionaler Erfahrungen oder auch philosophisch-religiöser Sinnfragen. Immer wieder werden Bodenstrukturen, Notenschlüssel, Torsi, Nägel, verschiedenartige Fundstücke wie Federn etc. in die Kompositionen integriert.
Eine besondere Stellung kommt der Verwendung von Schriftfragmenten zu, die collageartig eingebunden werden. In unterschiedlicher Ausprägung dominiert dabei der Inhalt der Texte oder der zeichenhafte, der kalligraphische Ausdruck des ausgewählten Schriftstücks. Farbe und Schriftzeichen werden zu einem Bild verwoben, wobei die Künstlerin im ausgehenden Zeitalter der Mechanik und des immer geringeren handschriftlichen Ausdrucks, die ästhetische Wirkung der Handschrift, ihr emotionales und erotisches Element einzufangen versucht.
Persönlich spricht mich in Christina Simons Arbeiten besonders das Spannungsmoment der Farbe an. Farbkontraste und auch die emotional belegten Stimmungswerte von Farben erzeugen bei vergleichbaren Themen und Motiven völlig unterschiedliche Eindrücke. Besonders deutlich wurde mir dies in denjenigen Arbeiten, die Schuhabdrucke als Bildelemente aufnehmen. Von der flüchtigen Wahrnehmung eines zufälligen Schuhabdrucks bis zur Vermittlung von latentem Gewaltpotential eines imaginären Springerstiefels bewirkt die Künstlerin unterschiedlichste Assoziationen bei den Betrachtern ihrer Werke. Der Adressat, an den Christina Simon ihre Kunst richtet, ist somit nicht nur Konsument, sondern ein notwendiges Medium, um ihren Arbeiten immer wieder eine neue Bedeutung und Wertigkeit zu entlocken.