Jenseits von Grenzen der Erkenntnis

Dr. Falko Bornschein

„Halte nicht das Gewand der Thora für die Thora selbst“ lautet eine alte jüdische Weisheit. Diese Warnung lässt sich in gewissem Sinne auch auf die Werke von Christina Simon übertragen. Auch sie enthalten über sich selbst hinausweisende Zeichenkomplexe.
Sie transzendieren gleichsam über ihre ästhetischen Charakteristika hinaus und führen hin zu sinnhaftem Ausdruck menschlicher Befindlichkeit im Kontext göttlicher Offenbarung. Bildgefüge großer Dichte und Komplexität bemächtigen sich der Fläche, drängen zur Peripherie und zum Betrachter.
Ein erster flüchtiger Blick nimmt großflächige intensive Farben und vielfältige lineare Strukturen wahr. Der sensorischen Wucht und einprägsamen Symbolik der Elemente kann sich der Betrachter kaum entziehen. Doch was zunächst einladend wirkt und Zugang zum Werk verheißt, erweist sich bei näherer Betrachtung als vielschichtig und fordert zur Auseinandersetzung auf. Sperrige, flächige Bildelemente verschränken sich zu spannungsvollen kompositorischen Gebilden. Sie sind verzahnt, werden überblendet, hinterfangen und durchdrungen. Darüber hinaus besitzen die Werke in gewisser Weise einen  textilen Charakter. Netzartige Liniengefüge, bestehend aus gewebten, verknoteten, geflochtenen und verschlungenen Fäden überziehen die applizierten Flächen mit ornamentalen Mustern und abbildhaften Elementen, mit dichten Rapporten und skizzenhaft freien Strukturen. Formbeschreibende Linien wechseln mit rein dekorativen grafischen Zeichen und gehen ihrerseits in kristallin oder vegetabil anmutende Gebilde über. Sie erinnern an strahlendes Licht, fließendes Wasser, wehenden Wind, an architekturhaft Gebautes oder organisch Wachsendes. Für den interessierten Betrachter werden so optisch wie auch geistig abwechselnd Brücken gebaut und Barrieren errichtet. Farbige Abdrücke von Realien, wie Nadeln, Federn, Kordeln oder Stoff sowie eingebrachte Textfragmente sind als weiterführende Spuren deutbar. Sie erzeugen unvermittelt einen Eindruck von Vertrautheit, um sich im gleichen Moment wieder in Zeichen, Metaphern oder Symbole zu verwandeln.  Die abbildhaften Elemente ermöglichen einen weiteren Zugang zum Kunstwerk ohne anekdotenhaft oder gar belehrend zu sein. Dies trifft in besonderem Maße auch auf die im Zentrum der Bildwerke stehenden figürlichen Darstellungen zu. Sie gehen auf genreübergreifende künstlerische Vorbilder zurück, wie etwa die vier Apostel Dürers von 1526, das Mailänder Abendmahl Leonardo da Vincis von 1496/97 oder, im Gebetstypus des Jona, auf den norditalienischen Miniaturisten von 1260-70.
Diese im Gedächtnis des Rezipienten mehr oder weniger stark verankerten Spolien wecken unterschiedliche Assoziationen. Der eigenen Formensprache und Intention anverwandelt erhalten, sie einen veränderten Platz und Sinn. Darüber hinaus bereichern die Rückgriffe den Gehalt der Werke um die Dimension des Geschichtlichen, der Tradition und der Prozessualität Die Einbindung in das fremde bildnerische Gefüge der Linolschnitte wirkt sich unmittelbar auf die Befindlichkeit der Figuren aus, engt sie ein, grenzt sie aus, suggeriert bedrohliche aggressiv oder wohltuende Stille.
Altes und Neues Testament; Jahwe, der Seiende; Gesetz und Gnade. Gott, der Herr, offenbarte sich auf unterschiedliche Weise und schloss mehrere Bündnisse mit dem Menschen. Propheten, Evangelisten und Apostel berichten darüber. Allzeit versuchten und versuchen Gläubige, Juden wie Christen, ein gotterfülltes Leben zu führen – sie nähern sich ihrem hohen Ziel, zweifeln, hadern und scheitern mitunter, stehen ganz im Dienste Gottes oder sind unsicher Suchende. Hiervon erzählen die Bildwerke Christina Simons. Sie zeigen einen Zyklus zur Geschichte des Propheten Jona nach dem gleichnamigen alttestamentlichen Buch, greifen neutestamentliche Begebenheiten auf und setzen sich mit christlichen Heiligen auseinander. Der durch gebetsrollenartige Fahnen mit dem entsprechenden biblischen Text unterstützte Jonaszyklus berichtet nicht nur die überlieferte Erzählung, sondern verdeutlicht auch die innere Entwicklung, die der Prophet durchläuft. In einer dem Prinzip mittelalterlicher Modeln ähnelnden Wiederholung wird die jeweils gleich gestaltete Figur des Jona in eine Bewegungsabfolge gesetzt. Ihre Drehung auf der Bildfläche bewirkt dabei unterschiedliche Ausdrucksweisen wie stürzen, suchen, schweben, sich aufrichten, wanken, thronen, klagen oder trauern.
Wie die biblischen und hagiographischen Berichte sind auch die hier präsentierten Kunstwerke in verschiedenen Sinnebenen aufgebaut und verlangen nach „Exegese“. Ihr Sinn und ihr ästhetischer Gehalt erschließt sich nicht vordergründig, sondern ist an intensive Befragung gebunden. Serielle „Versuchsreihen“ - ermöglicht durch das Medium der Drucktechnik - gestatteten der Künstlerin ein Herantasten an das gewünschte Ergebnis. Dieser von Dürer als „Kläubeln“  bezeichnete Findungsprozess ist in den Kunstwerken zu spüren, ohne dass sie dadurch an Spontanität und Frische einbüßen. Dem aufgeschlossenen Betrachter wird der künstlerisch-ästhetische Reiz der Arbeiten nicht entgehen – doch halte nicht das Gewand der Thora für die Thora selbst!