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Die Fenster im gotischen Chor der St. Anna-Kirche zu Pettstädt
Gestaltung der Chorfenster nach Entwürfen der Künstlerin Christina Simon

KÜNSTLERGALERIE PETERS NEWSLETTER 05/2009

Wenn man den kleinen spätgotischen Chor der Dorfkirche zu Pettstädt betritt, fühlt man sich von 500 Jahren wechselvoller Geschichte umfangen. Neben dem für das 15.Jh. typischen unregelmäßigen Mauerwerk mit seiner archaisch anmutenden Struktur, bestimmen zwei gotische Maßwerkfenster und ein kleines romanisches Rundbogenfenster den Raum.Ostern 2009 erstrahlten die Fenster mit einer neuen Farb- und Schutzverglasung in herrlichem Licht. Die Entwürfe entwickelte im Auftrag der Kirchengemeinde die Künstlerin Christina Simon aus Weißenfels. Die Ausführung erfolgte durch die Glasmalerei Otto Peters in Paderborn
Maßgebend für die Gestaltung der Maßwerkfenster waren zum einen die Namenspatronin der Kirche, die heilige Anna, und zum anderen die direkte Lage des Gotteshauses am Jakobsweg, dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Die Intention für das Rundbogenfenster, das hoch über dem spätgotischen Flügelaltar in den Himmel weist, erschließt sich aus dem Mysterium der Heiligen Dreifaltigkeit

Gestalterische Elemente und technische Ausführung der Glasmalereien
Die Formenvielfalt der Fenster und ihre asymmetrische Anordnung im Chorraum an der südöstlichen Seite, erfordern Einheitlichkeit im Farben- und Formenkanon. Die Weißlinien der Linolschnittvorlage sind das bestimmende stilistische Mittel. Im Spiel mit einem goldgelben Farbklang wird der Raum in magisches Licht getaucht. Die kraftvollen modernen Licht-Linienscharen verweisen jeweils auf sinnbildhafte Objekte wie Tuch, Wogen, Fluß, Weg oder Korpus Christi. Sie stehen in Kombination mit Bildelementen, wie der Jakobsmuschel und der Anna-Selbdritt-Figur, die wie mathematische Symbole behandelt werden. Um die Tiefenwirkung auf dem Glas zu steigern und die reizvolle Korrespondenz zwischen Linien und Flächen zu betonen, wurden die Glasscheiben beidseitig in Airbrushtechnik und mit Sandstrahlung bearbeitet. Das mehrstufige, transparente Silbergelb ist gegen das opake Bordeaux gesetzt, das changierend zum Ockergelb verläuft.

Das dreiteilige Maßwerkfenster - Die Heilige Anna
Die heilige Anna ist die Mutter Marias und die Großmutter Jesu. Das 14. Jh. fand ein besonders schönes Andachtsbild – Anna selbdritt (Anna zu tritt). Hier wird Anna als Matrone, Mutter und Erzieherin gezeigt, wie sie in einer stabilen und unerschütterlich wirkenden Sitzpose auf ihren beiden Armen jeweils das Jesuskind und Maria, die Gottesmutter, hält und ihnen mütterlichen Schutz gebietet.
Eine solche Darstellung aus einem spätgotischen Schnitzaltar liegt dem Glasbild zugrunde. Das Physiognomie und Gestik beschreibende Linienspiel innerhalb der Figuren verweist auf das familiäre Geflecht und gleichzeitig in seiner Dreiheit auf das zentrale Mysterium des Christentums, die Dreieinigkeit. Drei Generationen stehen auf unterschiedliche Art und Weise zueinander in Beziehung. Der Enkel im kindlichen Spiel mit seiner mädchenhaft wirkenden jungen Mutter, die wie eine Schwester erscheint. Die alte Großmutter mit ihrem wachenden und behütenden Auge und ihrer Verantwortung den Kindern gegenüber. Familiäre Bindung wird durch das vom Himmel herabfließende Tuch, das die Figurengruppe umhüllt und diese wie in einer Gondel über die irdischen Zeiten hinaus trägt, in die geistliche Sphäre gehoben. Hier verweist das Tuch als ein Medium zwischen Himmel und Erde auf die Verbindung von Geist und Fleisch.
Das die Familie umspannende weit ausladende Tuch hat sicheren Halt durch die auf die Kraft der Trinität verweisenden drei Knoten in der Mittelbahn. Alle Sehnsucht und Geborgenheit nach Schutz und sozialem Frieden, wie ihn auf Erden niemand anderes als Mütter und Großmütter wie Anna geben und bewahren können, speist sich aus dem Glauben und der Nahrung des Himmels.

Das romanische Rundbogenfenster - Kreuzigung
Im kleinen Rundbogenfenster, das hoch über dem Altar nach Osten weist, erhält die Darstellung des Tuches, hier zum Korpus Christi am Kreuz verknotet eine neue sinnbildhafte Qualität, anknüpfend an den geistlichen Inhalt des Annafensters. Während der Knoten noch das Festhalten und Gebundensein symbolisiert, verweisen die Linienscharen, die die gestreckten Armmuskeln verdeutlichen, in das Unendliche des Himmels, als würde Gottvater seinen Sohn selbst halten, wie es bei Darstellungen des Gnadenstuhls als Verdeutlichung der Dreifaltigkeit zu sehen ist.
Dem Wechsel von gelben und weißen Fließlinien und dem kraftvolle Strömen aus dem hellen göttlichen Licht in das irdische Dunkel hinein – markiert durch den changierenden Farbverlauf – liegt das Gottesbild der Mystiker zugrunde. Sie haben das Zeitalter der Gotik, in dem die Kirche errichtet wurde, stark beeinflusst.
Pseudo-Dionysius Areopagita, der als der Begründer der mittelalterlichen Mystik gilt, weist drei Wege zu Gott. Gott ist unsagbar und außerhalb des Seins. ER ist Licht. Der Mensch kann ihn trotz irdischen Mühens nicht erkennen. ER ist Dunkelheit. Die Vereinigung des Menschen in Gott übersteigt jedes Wissen und Verstehen. Er kann sich bereit machen, damit Gott sich in „überlichteter Dunkelheit“ in ihn ergießt und vollendet.

Das zweibahnige Maßwerkfenster -Der Jakobsweg
Jakobus der Ältere gehörte neben seinem Bruder Johannes und Petrus zu den engsten Vertrauten um Jesus. Zahlreiche Legenden haben sich um seine Gestalt gesponnen. So auch die, dass er als Apostel mit Predigten in Spanien begonnen habe und dass er deshalb in Santiago de Compostela begraben worden sei. Santiago wurde im Mittelalter nach Rom und Jerusalem der am meisten besuchte Wallfahrtsort für Christen. Im ausgehenden 20 Jh. erfährt die Pilgerbewegung eine derartige Renaissance, dass sich nicht nur Gläubige Christen, sondern auch Nichtgläubige auf den Weg dorthin machen.
Der durch das Bild hindurch weiterführende Weg im Linienfluss symbolisiert hier in geschwungenen Kurven, Höhen, Tiefen und Abzweigungen den Pilgerpfad und lädt uns ein, mitzugehen und sich der unmittelbaren Nachfolge Christi anzuschließen.
Mit gewaltiger Kraft strömt der Weg, von der himmlischen Quelle kommend ins Irdische. Die Muschel ist bildhaft in den Weg eingebettet. Sie ist ein Attribut des heiligen Jakobus. Um sie ranken sich verschiedene Legenden, denen allen die wundersame Rettung von Menschen durch den Heiligen zugrunde liegt.
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